MAIN

REVIEWS

Intern



 Valid HTML 4.01 Transitional

 Valid CSS!

 [Valid RSS]

Helter Skelter
Story

Ririko ist jung, schön und erfolgreich, ob als Model, Sängerin oder Schauspielerin. Sie ist ein Idol.
Doch unter der heilen Fassade bröckelt es gewaltig.
Ihre Vergangenheit wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis und in ihren öffentlichen Auftritten darf sie nur das sagen was alle hören wollen. Ihre Schönheit ist teuer erkauft und droht jederzeit wieder zu zerfallen, was sie in eine beständige Angst vor dem Karriere-Aus versetzt und als dann auch noch eine potentielle Nachfolgerin für sie in ihrer Agentur auftaucht, ihr der reiche Millionärssohn, den sie sich als Altersvorsorge geangelte hatte, vom Haken springt und auch noch Ermittlungen gegen die Schönheitsklinik, in der sie Dauerpatientin ist, beginnen, gerät ihre Scheinwelt langsam aber sicher völlig aus der Bahn.

Meinung

„Helter Skelter“, das ist ein Titel der einen irgendwie packt. Dabei bedeutet dieser englische Ausdruck auf Deutsch nicht mehr als holterdiepolter oder ist im Englischen auch ein Synonym für eine große Rutsche.
Außerdem ist es ein sehr bekannter Beatles-Song dessen Titel nicht nur von diversen anderen Künstlern wieder verwendet, sondern auch von Charles Manson für seine Wahnvorstellungen benutzt wurde.
Also an was denkt man bei einem Manga der nun also „Helter Skelter“ heißt?

Mich würde ja wirklich interessieren wie Zeichner- und Autorin Kyoko Okazaki dazu gekommen ist ihrem mehrfach preisgekröntem Werk (Tezuka Osamu Cultural Prize, Excellence Prize beim Japan Media Arts Festival) ausgerechnet diesen Titel zu geben.
Ob sie damit auf eine der bereits vorhanden Bedeutungen anspielen wollte? Aber wenn auf wen, die Beatles oder Manson?
Da im Manga selbst auf Helter Skelter als Lied referiert wird, liegt ja ersteres nahe, nur passt zumindest das alte Lied der Beatles nur sehr bedingt dazu.

Aber genug der verschrobenen Einleitung über den Titel, was uns hier in diesem wahrlich außergewöhnlichen Manga präsentiert wird, dass ist eine ziemlich drastische, düstere und Teils fast schon zu überzogene Geschichte von Schönheitswahn und Lügen, Erfolg und verdorbenem Charakter, Geldgier und mangelnder Ethik und all diesen, gern in Kombination auftretenden, Kennzeichen unserer heutigen Gesellschaft.
Das das Idol-Geschäft in Japan ein hartes Geschäft ist, das selten Rücksicht auf seine oft noch zu jungen Stars nimmt, dass konnte man als Japaninteressierter nicht zuletzt aus Satoshi Kons Link â€žPerfect Blue“ bereits eindrücklich erfahren, das ganz ähnlich die Geschichte einer jungen Frau erzählt die, nicht mehr als ein Batzen Rohmaterial Fleisch, zum Star geformt werden soll. Okazaki packt allerdings alles noch eine Nummer härter an und erschafft mit ihrer zurechtoperierten Ririko quasi einen Ground Zero der oberflächlichen Mode- und Schönheitsindustrie, an dem nun wirklich fast gar nichts mehr original ist. Eine junge Frau, als fettleibiger Teenager von zuhause ausgerissen und in einem Bordell gelandet, wo sie sich zum ersten mal Gewollt fühlte, dann von einer Managerin, die sie fortan Mutter nennt, aufgelesen, als gutes „Knochenmaterial“ erkannt und dann in einem fast schon größenwahnsinnigen Schöpfungsakt zurechtgeformt zum künftigen Supermodel.
Doch auf den Sündenfall gegenüber der Natur folgt als bald die Strafe und schon droht die Vertreibung aus dem Paradies der Glitzer-Promi-Welt ins kollektive, öffentliche Vergessen durch Verfall des „gefälschten“ Traumkörpers.
Doch aus genau diesem Vergessen, dem nicht beachtet und nicht gewollt werden, ist sie ja erst entflohen und so gibt es bald, zusätzlich getrübt durch etliche Medikamente die das Unaufhaltbare verlangsamen sollen, kaum mehr ein halten. Verzweifelt wird versucht das Leben (besser die Jugend), das noch viel mehr als jedes „normale“ Leben eh schon nur auf Zeit geborgt wurde, krampfhaft festzuhalten und so mehr die Pläne scheitern, sicher geglaubte Altervorsorge-Verlobte entschwinden und jüngere Konkurrentinnen auftauchen, um so verzweifelter und wahnsinniger werden die Pläne und um so unberechenbarer der Charakter der Schönheit.
Eigen Ängste und Frustrationen werden immer hemmungsloser an Schwächeren ausgelebt und die versuche gegen die Übermutter aufzubegehren von selbiger jedes Mal abgeschmettert, was dann freilich, jeder Radfahrer kennt es, von mehr Buckeln nach oben zu mehr treten nach unten führt.

So könnte man Ririko eigentlich als perfekt abschreckendes und verachtenswertes Beispiel einer auch bei uns fröhlich blühenden Wahngesellschaft sehen, die verführt von Schein- und Trugbildern in immer größere Erfüllungskomplexe getrieben wird, die zu mehr Konsum führen und der zu mehr Gewinn bei genau der Industrie die für eben jene Bilder verantwortlich ist.
Doch so eine einfach macht es uns Okazaki nicht, das wir uns einfach mit so einem feinen Schwarz-Weiß-Bild zurücklehnen, hier das Biest und da Opfer sehen, und uns so auf moralischer Überlegenheit ausruhen können.
Stattdessen ist ihr daran gelegen uns Ririko als das zu schildern was sie ist, eben auch nur ein Mensch, der ohne Führung allein gelassen auf einen Weg geraten ist von dem er nun nicht mehr abkann. Gefangen in seinem Umfeld, seinen Träumen und Hoffnungen und einem riesigen Erwartungsdruck von Außen gibt es keinen einfachen Ausstieg für die junge Frau und jeder Leser kann in ehrlicher Selbstreflektion erkennen, dass auch er keine wirkliche Lösung hätte.
Und auch die Opfer, die Assistentin und ihr Freund, sind nicht unbedingt Sympathieträger. Beide sichtlich geblendet von der Omnipotenz des strahlenden Sterns Ririko verfallen sie fast schon unglaubwürdig schnell in ein Abhängigkeitsverhältnis das schon regelrecht widerwärtig ist. In wie weit mediale Gehirnwäsche daran Schuld sein kann das man quasi auf einen Fingerschnipp zur prompten sexuellen Dienstleitung am höheren Subjekt bereit ist, mag dahingestellt sein, sieht man aber so manchen hysterischen Fanauflauf vor Popstarherbergen und Konzerthallen, dann mag man diese prompte Brechen des Willens als gar nicht mehr so unwahrscheinlich hinnehmen. Und führwahr, auch in guter alter Zeit schon war der unwürdige Leibeigene seinem König und Kaiser gegenüber sofort zu allem bereit. So mancher Dichter und Denker hat es ja beschrieben (ich will nur mal auf „Kriech Du und der Teufel“ von Fallersleben verweisen) und was damals ging, geht heut freilich noch besser. Wir haben uns ja schließlich weiterentwickelt.

Aber zurück zu „Helter Skelter“.
Zumindest die zwielichtige Managerin und die Chefin der Schönheitsklinik lassen sich dann doch als brauchbare, reine Antagonistinnen heranziehen. Es scheint auf ein paar klare Figuren konnte man dann wohl doch nicht verzichten. Während der Polizist und seine Assistentin bis zum Ende eher reichlich blass bleiben und neben ein paar hingeworfenen Denksätzen und einer Verbindung zur Schwester (das Symbol für die Unendlichkeit der Geschichte Schönheitswahn und neue Opfer, neben den immer mal wieder eingeworfenen Otto-Normal-Konsumenten) und zum großen Outing eigentlich wenig Erinnerungswürdiges zur Geschichte beitragen.

So ist die Geschichte über lange strecken zwar gut, aber auch recht schwierig, wobei ich das imho etwas unpassende abdriften ins Surreale, mit Traumsequenzen und mexikanischem Freakshowende, mal außen vor lassen will. Das ist doch etwas Kitschig und die erträumte Verbindung zwischen dem Model und dem Kommissar als immer wieder kehrende Antipoden im selben Kampf erscheint mir etwas arg abgedriftet. Aber unter einem leichten hang zur Übertreibung leidet die ganze Geschichte etwas.
Nun sind es aber eben genau diese Punkte und als weiterer große Faktor die erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig untalentiert aussehenden Zeichnungen, die wohl die meisten erst einmal kräftig abschrecken werden.
Nun könnte man zwar einwerfen das es sich bei den teils sehr groben und einfachen Bildern um einen bewusst gewählten Stil handelt, aber derart lieblos und teilweise (besonders bei Schattierungen) auch noch falsch aufgeklebte Rasterfolie lässt das dann schon eher wie ein müde Entschuldigung für nicht vorhandenes Können erscheinen, wie so oft im so genannten „Underground“ und explizitem „nicht-mainstream“.
Allerdings kann man sich über derartige Anfeindungen natürlich leicht hinwegsetzten wenn man dafür auf anderen Gebieten derart Punkten kann, das an einem künstlerischem Anspruch kein Zweifel mehr besteht, und genau das hat Okazaki mit „Helter Skelter“ auch getan.
Sie hat ein heikles Thema angepackt und eine gute Geschichte dazu abgeliefert.
Stellenweise dreht sie zwar etwas zu sehr auf, aber dafür ist sie wunderbar kompromisslos und scheut sich nicht hart mit ihren Figuren und auch hart mit dem Leser umzugehen.
So bietet sie viel Stoff zum Nachdenken und eine außergewöhnliche Optik in die man aber mit fortschreitendem Lesen immer problemloser eintauchen kann. Man muss sich nur erste einmal überwinden überhaupt ins Tiefe zu gehen und daran wird so mancher wohl leider scheitern, aber auf den der es schafft wartet eine tolle Erfahrung.

Cover

Bild 1

 Info
Verlag:Carlsen Comics
Zeichnung & Story:Kyoko Okazaki
Jahr:2003

 Bewertung

Grafik:

 7.jpg 7/10

Story:

 9.jpg 9/10

 Gesamt:

  9/10

Aufrufe: 4476
Review by Df3nZ187 (© by Anime-Ronin.de)
Review verlinken: http://www.anime-ronin.de/review-754.htm